Der Engel der Geschichte
In seiner neunten geschichtsphilosophischen These kommentiert Walter Benjamin ein Bild des Malers Paul Klee:


Im Blick zurück bis in das 20. Jahrhundert zeigt sich in der Tat eine Kette von Katastrophen, von Kriegen, Genoziden, nicht-bewältigten Krisen. Und doch zeigt der Blick zurück auch eine andere Linie, eine Linie der, auch erfolgreichen, Bemühungen um ein verbindliches Völkerrecht, um die Eindämmung von Gewalt, um die Prävention ihrer Ursachen. Welche Richtung die Geschichte nimmt, hängt vom Menschen selbst ab, er ist, innerhalb gegebener Bedingungen, Herr seiner Geschichte. So zu handeln, dass die Trümmerhaufen nicht weiter wachsen, bedarf es auch eines historischen Bewusstseins, das es möglich macht, nicht nur zu wissen, was geschehen ist, sondern auch zu verstehen, weshalb es geschehen konnte, und zu begreifen, wie das Geschehene in unsere Gegenwart hinein reicht. Eine solche Befassung mit der Vergangenheit kann mühevoll sein, erfordert Beharrlichkeit und Akkuratesse. Historisches Lernen ist keine Sammeln von Rezepten und Handlungsanweisungen, sondern, so Jakob Burckhardt, es macht gescheit für immer.