Der Engel der Geschichte

In seiner neunten geschichtsphilosophischen These kommentiert Walter Benjamin ein Bild des Malers Paul Klee:

Paul Klee, Angelus Novus
»Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«

Im Blick zurück bis in das 20. Jahrhundert zeigt sich in der Tat eine Kette von Katastrophen, von Kriegen, Genoziden, nicht-bewältigten Krisen. Und doch zeigt der Blick zurück auch eine andere Linie, eine Linie der, auch erfolgreichen, Bemühungen um ein verbindliches Völkerrecht, um die Eindämmung von Gewalt, um die Prävention ihrer Ursachen. Welche Richtung die Geschichte nimmt, hängt vom Menschen selbst ab, er ist, innerhalb gegebener Bedingungen, Herr seiner Geschichte. So zu handeln, dass die Trümmerhaufen nicht weiter wachsen, bedarf es auch eines historischen Bewusstseins, das es möglich macht, nicht nur zu wissen, was geschehen ist, sondern auch zu verstehen, weshalb es geschehen konnte, und zu begreifen, wie das Geschehene in unsere Gegenwart hinein reicht. Eine solche Befassung mit der Vergangenheit kann mühevoll sein, erfordert Beharrlichkeit und Akkuratesse. Historisches Lernen ist keine Sammeln von Rezepten und Handlungsanweisungen, sondern, so Jakob Burckhardt, es macht gescheit für immer.